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Hyperstätten

 

Unter den verschiedenen Techniken und Medien, mit denen der Künstler Jost Wischnewksi arbeitet, kann man die Fotografie als seine fundamentale Disziplin erkennen. Der Bann ins Bild bedeutet eine Extraktion, und Zweidimensionalisierung alltäglicher Szenen und ein Stillstellen von Zeit und Sound. Die Straße bildet das Hauptmotiv seines Interesses: Als Schneise durch die Stadt, Schlucht zwischen Gebäuden, Transitstrecke zwischen zwei Orten und als Plattform für unterschiedliche Geschwindigkeiten von Fußgängern, Autos, Bahnen, Motor- und Fahrrädern bildet sie die lebenswichtige Schlagader unserer Städte.

Alle Infrastrukturen treffen auf und unter der Straße zusammen. In Jost Wischnewskis Arbeiten bildet sie eine Art Knotenpunkt für soziologische, historische oder technische Phänomene, vor allen Dingen aber als ästhetische Konstante, über Zeit und Raum, die von mehr von weniger denselben Gestaltungselementen durchgängig geprägt ist.

 

Anders als z.B. bei Gebäudefassaden oder Platzarchitekturen verschwindet das spezifische einer Stadt auf der Straße. Betrachtet man Wischnewskis Bilder von Straßen in Düsseldorf, Köln, Berlin, Hamburg, Dresden, Rom, Paris und anderen europäischen Städten, findet man eine unglaubliche Konsequenz, eine im doppelten Sinne fundamentale Spur, die von einem allgemeingültigen und gleichzeitig abstrakten Zeichensystem auf dunklem Grund geprägt ist. Ziffern und Buchstaben, weiße, gelbe, rote und schwarze Markierungen regeln das berührungslose Hinter- und Nebeneinander schneller und langsamer, einheimischer und ortsunkundiger Verkehrsteilnehmer. In Jost Wischnewskis Bildern geraten sie zu monumentalen grafischen Beschwörungsformeln zur Vermeidung von Chaos oder zu Regieanweisungen einer Choreografie der anonymen Masse. Eine serifenlose 3 und eine sauber gemalte 0 bedeuten Entschleunigung, Descrescendo; rot heißt Stillstand; ein schwarz-weißes Streifenmuster markiert den rechten Winkel und die Bewegungshierarchie zwischen Un- und Motorisierten.

 

Jost Wischnewskis Fotografien, aber auch seine Installationen führen die kollektive Ästhetik dieser traditionellen funktionalen Straßenmalerei, die wir tagtäglich unterbewußt wahrnehmen, im Grunde erstmals vor Augen. Die suggestive perspektivische Verzerrung der Zeichen in seinen Bildern entspricht dabei ihrem merkwürdigen Ort: Nie befinden sie sich wie klassische Bilder auf Augenhöhe und fast immer nähern wir uns ihnen in einem Tempo, mit dem eine konzentrierte Betrachtung unmöglich ist. Auf dem Platz vor einem Museum hat Wischnewski mit Straßenfarbe ein riesiges –€œP–€ gemalt - ein "Signal für ein Innehalten", wie er selber sagt, eine Verschiebung eines Zeichens für Stillstand, das hier eine ganz neue Orientierung ermöglicht.

 

Rita Kersting, Düsseldorf 2005