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ALL OVER: Simona Pries –€“ Jost Wischnewski

 

Vernissage: 7. März 2008, 18 - 20 Uhr

Ausstellung: 8. März - 31. Mai 2008

 

Die Galerie USCHI KOLB zeigt in der Ausstellung ALL OVER Skulpturen von Simona Pries und eine Installation von Jost Wischnewski

 

Der Begriff des –€žall-over–€œ hat die Kunstkritik in den 1950er Jahren für eine ohne Hauptmotiv ausgeführte flächendeckende Malerei geprägt, die zumindest in der Vorstellung des Malers wie des Betrachters über die Begrenzung der Leinwand hinausgehen kann. Übertragen auf eine Ausstellung bedeutet diese Definition, dass sie über den vorgegebenen, begrenzenden Raum hinaus ragt –€“ wiederum ist das nur in unserer Vorstellung möglich. Wenn man jedoch die Wandmalerei von Jost Wischnewski im Ausstellungsraum erlebt, und förmlich körperlich spürt, wie sie ihren Sog entfaltet, der die reale Architektur vergessen läßt, dann hat man die Dynamik des –€žall-over–€œ schon verstanden.

Wischnewskis Thematik leitet sich von den Zeichen des urbanen Raumes, den Beschriftungen der Straßen und Plätzen aller großen europäischen Städte ab. Die Hieroglyphen der städtischen Infrastruktur werden, transformiert durch den `futuristischen` Blick der Geschwindigkeit, mit Schablonen direkt auf die Wand übertragen. Durch vergleichbar konzipierte Schriftzüge werden auch ausgebaute und von ihrem angestammten Platz entfernte Windschutzscheiben unterschiedlicher Automarken in industriell geformte, plastische Bilder verwandelt. Die nur mit Anstrengung lesbaren Schriften geraten zu monumentalen grafischen Schlagworten wie Beschwörungsformeln, deren ursprünglicher Charakter, als Regieanweisungen das städtische Leben zu ordnen, einer Zentralperspektive zum Opfer gefallen ist, die statt des statischen Fluchtpunkts, wie wir ihn von Renaissance-Gemälden kennen, den verkürzten Fluchtpunkt im Blickfeld eines Motorradfahrers wiedergibt.

Die Ausstellung –€žALL OVER–€œ ist eine Doppelausstellung von zwei Künstlern, die beide skulptural arbeiten und die sich ebenfalls beide mit unserem alltäglichen urbanen Leben auseinander setzen, wenn sie auch an unterschiedlichen Stellen beginnen. Die Grundlage für die Arbeiten von Simona Pries ist die Architektur, und ihre Materialien sind dem architektonischen Kontext entlehnt: geschnittenes, sandgestrahltes, bemaltes und partiell beklebtes Glas, Kalksandstein oder Beton, der gebrochen, gebohrt oder im industriell vorgefertigten Zustand belassen und gestapelt wird. In ihren Objekten treffen die Werkstoffe mit ihren konträren Eigenschaften zuweilen hart aufeinander, es entsteht eine Spannung, die durch Quantität, Bearbeitung und Anordnung in einen maßstäblichen Kanon überführt wird.

Das profane Material aus dem Baumarkt wird zum Träger von Schönheit und Bedeutung, und die skulpturalen Konstellationen werden mit Bedeutung aufgeladen durch poetische Titel wie –€žI never promised you a kiss–€œ, –€žWunschbrunnen–€œ, –€žDie Aprikosenbäume denken nach–€œ oder –€žLuftschlösser–€œ. Insbesonders bei den –€žLuftschlössern–€œ –€“ der Begriff löst wohl bei jedem, der ihn hört, unwillkürlich Assoziationen aus –€“ ist jedoch auch eine mit dem Titel verknüpfte präzise Beschreibung verbunden, denn es sind kleine offene Räume aus hochkant gestellten Betonelementen, die als Bodenplatten und Dachbegrenzungen jeweils eine farbige Glasscheibe besitzen. Diese luftigen Schlösser stehen auf Sockeln, deren Höhe variiert, so dass der erwachsene Betrachter hinein schauen kann –€“ oder eben gerade nicht mehr bei einer Gesamthöhe von 210 cm. Diese schlanken Gebilde sind im Raum verteilt, sie nehmen wie die spätmittelalterlichen Geschlechtertürme von San Gimignano in der Toskana atmosphärisch Verbindung untereinander auf. Die in der Ausstellung gezeigte kleine Gruppe ist in unbegrenzter Ausdehnung denkbar –€“ der –€žall-over–€œ-Gedanke wird auch hier umgesetzt.

 

Georg Elben

 

Ausstellungsansicht