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Judith Lindner und Ingrid Rodewald

andernorts

Malerei und Collagen

 

Eröffnung der Ausstellung: 19. März 2010, 18-21 Uhr
Ausstellungsdauer: 23. März bis 7. Mai 2010

 

 

 

 

 

 

Wir freuen uns, mit andernorts neue Arbeiten von Judith Lindner und Ingrid Rodewald in unserer Galerie präsentieren zu dürfen. Die Ausstellung vereint Architektur- und Landschaftsbilder, die eine perspektivenreiche Auseinandersetzung mit dem Motiv des vom Menschen gestalteten –€žOrtes–€œ zeigen. Ihr genius loci ist die –€žabwesende Präsenz–€œ des Menschen.


 
Die Welt in Judith Lindners Architekturdarstellungen ist aus rechteckigen Farbflächen in perspektivischer Verzerrung zwischen zwei weit außerhalb der Bildfläche liegenden Fluchtpunkten verfugt. Der Bildaufbau ist dementsprechend im Stil einer technischen Zeichnung gehalten.
Jede einzelne Fläche hat in mehreren lasierenden Schichten seine eigene Farbigkeit erhalten. Scharf gegeneinander abgegrenzt fügen sie sich zu Ebenen und stereometrischen Körpern, mal hohl, mal geschlossen. Sie erinnern an Bungalows der 70er Jahre, an Betonwände als Raumteiler, an Glasfassaden, Flachdächer, Terrassen und daran angrenzende Swimmingpools. Die Architektur breitet sich lebendig im Bildfeld aus, treibt den Bildraum bis in weite Ferne und greift scheinbar gestisch in den Betrachterraum aus. In diese geometrische Welt ist der Natur in Form von Hecken oder einzelnen Pflanzen präzise ihr Platz gewiesen. Als weiches Volumen, erzeugt durch lockere Pinselstruktur, jedoch in Schwarz oder unnatürlichem Farbton gehalten, quillt die Vegetation aus dem strengen Gerüst hervor und deutet an, es zu überwuchern.
 
Judith Lindner zeigt Orte, an denen sich der Mensch eingerichtet hat. Doch sie sind stets menschenleer, die Behausungen sind verlassen. In seinem selbstbewussten Gestaltungswillen, mit dem sich der Mensch des Raumes bemächtigt hat und sein Lebenswerk präsentiert, ist der Mensch jedoch eigentlich präsent. –€žSieh da, der Mensch, was er geschaffen hat, wie er lebt, wer er ist!–€œ –€“ zu sehen sind dem Menschen selbst geweihte Stätten.
 
Farbe besitzt in Judith Lindners Bildern starke kompositorische Kraft. Die Farb- und Symbolwerte wirken suggestiv dabei mit, ob ein Element als Boden oder Abgrund, Mauer oder freier Himmel zu deuten bzw. als nah oder fern zu verorten ist. Zudem ist die Farbe von hoher emotionaler Wirkung. Der eigenwillige Farbklang in Judith Lindners Bildern rührt von starken Farb- und Hell-Dunkel-Kontrasten her. Gegenstände sind schwarz schattiert, was eine irreale Stimmung hervorruft. Die Farbfelder scheinen Energien auszustrahlen und anzuziehen oder abzustoßen, auch auf synästhetischer Ebene wecken sie Empfindungen. Eine Stelle im Bild lädt den Blick ein, sich einzunisten, eine andere verdrängt ihn melancholisch.
 
Der rationale Anschein der Arbeiten trügt. Die Architektur wächst –€“ der Vegetation gleich –€“ und bedingt darin die letztlich organische Struktur der Bildwelt. Das Geschehen ist reduziert, die Zeit eine eigentümliche. Ohne das Maß der menschlichen Figur bleiben die Relationen in surrealer Weise offen. Es sind utopische Orte, Denkräume, Traumwelten. Was wäre, wenn man sie beträte?
 
In ihrer jüngsten Serie kleiner Tafelbilder treten an die Stelle stereometrischer Körper nun organische und archaische Formen wie Felsformationen, Kristalle und Höhlen. Diese Motive verlassen die starke Fluchtpunktperspektive. Die sonst klar umrissenen Farbfelder sind zu Schollen zerbrochen, und auch der Bildraum scheint vor dunklem Hintergrund wie aufgefächert. Der Stil der Tafelbilder ist malerischer: In vielfachem Wechsel zwischen Collage, Farbauftrag und Abschabung der Schichten entstehen fantastische Strukturen. Die Natur scheint sich hier des Ortes samt der schon ruinösen Behausungen (wieder) zu bemächtigen. Der Raum ist Schauplatz apokalyptischer Szenarien.
 
 
 
 
Ingrid Rodewalds Arbeitsmaterial sind großformatige Plakate der Außenwerbung. Ihnen entnimmt sie auch ihre Motive: werbewirksame, stimmungsvolle Fotografien, die den Plakaten zugrunde liegen: Fotografien der Natur und von Städten. Diese Motive unterzieht sie jedoch einer Reinigung. Die Werbebotschaft, mit denen das Motiv überlagert ist, versteht sie als Fremdkörper und überklebt das rhetorische Instrumentarium der Schrift, der Zeichen und Zahlen mit gerissenen Schnipseln aus anderen Plakaten derselben Serie. Auch die menschliche Figur entfernt sie aus ihren Lanschaftsbildern, so, wie dort auch jeder Verweis auf die Zivilisation, auf den Eingriff des Menschen in die Idylle der Natur von ihr ausradiert wird.

Mit ordnender Hand beruhigt Ingrid Rodewald die Szenerie, indem sie die Silhouette der Landschaft glättet, Bergzacken knickt, Landschaftsformationen weicher komponiert. Dabei implantiert sie die bedächtig sortierten Versatzstücke, bis das neu entstandene Abbild der Natur einer idealen Vorstellung von –€žNatürlichkeit–€œ, –€žUnberührtheit–€œ und –€žHarmonie–€œ entspricht; so lange, bis der Ort erneut zur Projektionsfläche für Wünsche nach einer paradiesischen, noch nie betretenen Welt wird und als solcher dem Menschen wieder von neuem nutzbar erscheint.
 
Der Versuch, das recycelte Motiv aus der Instrumentalisierung für eine Werbebotschaft zu befreien, (vor menschlichem Einfluss) zu schützen, zu isolieren und in seinen vermeintlich natürlichen Urzustand zurückzuführen, versinnbildlicht zunächst therapeutisches Handeln.
Die gewonnene Stille in den Bildern Ingrid Rodewalds ist jedoch vordergründig. Der Versuch der "Wiedergutmachung" hinterlässt Spuren. Risse und Narben sind sichtbar. Die Welt ist montiert aus Material, das seine je eigene Perspektive mit sich bringt. Die ins Bild gefügten Versatzstücke sitzen –€“ durch die unterschiedliche Rasterung des Offset-Drucks und durch den veränderten Schärfegrad ihrer Bildausschnitte –€“ schillernd und changierend auf der Oberfläche. Sie greifen je eigen in die Bildperspektive ein, bieten einen surrealen Focus auf außerhalb des Bildes liegende Zusammenhänge, erscheinen zuweilen als bedrohlich wirkende Fragmente des Unterbewussten.
 
Die Collagen werfen die Frage auf, zu welchem Preis und mit welchen Mitteln das Wieder-heil-machen geschehen soll und kann, und ob die Vorstellung vom unberührten Urzustand überhaupt gleichbedeutend mit –€žNatürlichkeit–€œ ist. Sie sprechen aber auch sehr anrührend von der drängenden Suche des Menschen nach dem Paradies.
 
 
In Ingrid Rodewalds Bodenobjekt "graswachsen" ummanteln Plakat-Versatzstücke mit dem Aufdruck von Kieselsteinen eine viereckige Holzplatte. Sie erinnert an ein fein säuberlich angelegtes Stück Terrasse. Doch von keinem Standpunkt aus ordnet sich die polygonale Form der vermeintlich perspektivischen Darstellung eines Rechtecks unter. Das ist Konsequenz in der Vielschichtigkeit dieser Arbeit.
Das –€žGras–€œ, das einer der Kanten unterlegt ist, erscheint dabei als Angebot an den Betrachter, den Ort –€žweiterzudenken–€œ. An die Materialien geknüpfte Assoziationen werden geweckt. Der Betrachter ist aufgefordert, den inneren Bilder-Fundus erlebter Orte nach der –€“ für Kindheitserinnerungen charakteristischen –€“ Ordnungskategorie der –€žMaterialbeschaffenheit–€œ zu durchforsten und die damit verknüpften Erlebnisse zu erinnern.


Rebekka Bücheler