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Eva Schwab: Hautjob
Malerei und Papierarbeiten

 

Eröffnung der Ausstellung: 13. November 2009
Ausstellungsdauer bis 8. Januar 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer den Hautjob ausübt, wie der Blade Runner aus dem gleichnamigen Film von Ridley Scott, muss ein besonderes Verhältnis zu dem geheimnisvollen Grenzorgan besitzen, das das Innere des menschlichen Körpers umschließt. Er muss Chemiker und Jäger zugleich sein, Analytiker und Fährtenleser. Vor allem muss er über die Fähigkeit verfügen, die Epidermis, jene kostbare Schale, die wie eine Wachsschicht auf den tieferen, weiter nach innen wurzelnden Schichten aufliegt, aufbrechen und ihr Geschichtsplasma verflüssigen zu können, ohne sie in ihrem Zusammenhalt zu beschädigen. Woran er Schnitt anlegt, um Schicht um Schicht voneinander abzuheben, ist das verborgene Fleisch der Empathie, jene unmittelbare Gewähr des Humanen, die die künstliche Haut von der kontingenten, der Menschenhaut in all ihrer Gewordenheit unterscheidet.



 

Der Blade Runner stellt Fragen, er zerschwemmt die scheinbar geschichtslose Nacktheit der Haut, er zwingt jede Zelle, sich in ihrer Geschichtlichkeit auszuweisen, um die umschlossene Gestalt des Körpers zu durchdringen: Wer bist Du? Woher bist Du? Woher bin ich? Wer bin ich?



 

Mit Präzision versenkt sich Eva Schwab in die Bilder ihrer eigenen Lebensgeschichte. Fotografien aus  Familienalben geben Anstoß, aber auch fremde und wahlverwandtschaftliche Spuren dienen als Vorlage. Es sind Momentaufnahmen, Arrangements, über die jeder verfügt. Das Familiäre geht durch das Ethnische und Politische hindurch über in einen umfassenden Geschichtsleib, einem die bloßen Fakten umschließenden Geflecht aus Erinnerung und Erwartung. Hier verbinden sich die Lebenden, die Toten und die Ungeborenen wie die drei Dimensionen der Zeit, als wären sie immer zugleich da und vergangen, als bildeten sie den unruhigen Hintergrund jedes Bildes, das wohl nur vom Jetzt spricht, und doch als Bild reine Vergangenheit bleibt.

 

Selbstähnlichkeiten, Angelesenes, Erbe und Ornament; der gebeugte Nacken dessen, der eine Nachricht empfängt, die überpersönliche Gebärde des Winkens, die Alten, die zusammenstehenden Kinder, die Taxidermie an der Wand: Geweihe, Felle, Ahnen, diese ganzen Schemata des aufeinander verweisenden Wachstums, die sich durch den Einzelnen hindurch wiederholen wie Schussfäden im Fleisch der Zeit.

 



"Irreale Sinngebilde" nannte der Philosoph Heinrich Rickert jene frei umherschweifenden Gebilde, um die sich viel mehr als um historischen Tatsachen das kulturelle Gedächtnis lagert und jenes geheime Band der Anteilnahme knüpft, das die Generationen miteinander verbindet. Ihnen "gehören" wir längst, bevor sie uns gehören. Die Bilder Eva Schwabs, Palimpseste der Empathie, legen Zeugnis davon ab.



Was, wenn sich künstliche Gestalten in diesen Erinnerungsleib einnisten, wie die in Menschenhaut gehüllten Androiden, Kopien oder Replikanten, denen der Blade Runner nachsetzt? Wenn sie überhand nehmen im Organismus der Geschichte wie technische Zellgeschwüre, die das menschliche Gespinst der Herkunft mit seinen Umwegen und irrealen Stätten überwuchern? Wenn der Hautjob, das "Herausschießen" des Humanen aus seinem Dickicht, neu verteilt, wenn der Jäger zum Gejagten wird?

 

Dr. Cathrin Nielsen

Ausstellungsansicht